Was Introversion nicht bedeutet

Introvertiert sein wird meist an der Beobachtung von zurückgezogenem und ruhigem Verhalten festgemacht. Jedoch kann genau dieses Verhalten auch zutreffen auf schüchterne Menschen, auf Personen, die hochsensibel sind, oder auf Kolleg:innen, die sich resignierend zurückziehen. Es lohnt also ein genauerer Blick.

Schüchtern sein

Für schüchterne Menschen geht es um ein vermeintlich negatives Bild, das andere von ihnen haben könnten. Sie vermeiden Blickkontakt, sprechen eher leise, werden schneller rot und bewegen sich meist besonnener. Schüchterne Personen ziehen sich eher zurück, was sie mit Introvertierten offensichtlich gemeinsam haben. Allerdings ist die Intention eine andere!

Introvertierte sind kommunikativ zurückhaltender, um ihre Energielevel zu schonen oder neu aufzuladen. 

Schüchterne Menschen verspüren eine soziale Angst und treten deshalb in den Hintergrund. 

Sie zweifeln an ihren eigenen sozialen Kompetenzen, wenn sie andere Menschen treffen oder mit ihnen in einem Raum sind. 

Auslöser ist eine verborgene Angst, von anderen Menschen abgelehnt oder gedemütigt zu werden. 

Die soziale Angst kann zu einer hohen körperlichen Anspannung, Herzrasen, Blackouts und dem beschriebenen sichtbaren Verhalten führen. 

Schüchternheit ist ein starkes Angstgefühl und nicht mit dem Persönlichkeitsmerkmal Introversion gleichzusetzen. Allerdings ist es durchaus möglich, dass Introvertierte auch schüchtern sind. 

Hochsensibilität

Vermutlich kennt fast jede:r einen feinfühligen und feinsinnigen Menschen, der insbesondere in der Kindheit und Jugend als “Sensibelchen” verspottet wurde. Das Merkmal der Hochsensibilität, also eine hohe Sensibilität bei der sensorischen Verarbeitung von Sinnesreizen, betrifft immerhin 20% der Menschen, also jeden fünften. 

Hochsensibel zu sein heißt mehr Informationen aus der Umgebung aufzunehmen als Nicht-Hochsensible. 

Sie hören beispielsweise die Verkehrsgeräusche und das Stimmengewirr intensiver und vordergründiger. Vorbeilaufende oder anwesende Personen und deren Stimmung, Geruch und Habitus werden von ihnen deutlich detailreicher wahrgenommen. Auch eigenes Unwohlsein oder eine raue Stelle am Pullover auf der Haut, nehmen sie viel schneller und intensiver wahr. Wieso?

Stell Dir das so vor: Alle fünf Sinnesorgane haben einen Wahrnehmungstrichter. Je weiter die Trichteröffnung, um so mehr Informationen (Reize) fließen hinein, die verarbeitet werden müssen. 

Hochsensible haben eine sehr weite Öffnung der Sinneswahrnehmungen.

So nehmen sie einfühlsam ganzheitlich und sehr detailorientiert die Umgebung und sich selbst wahr. Die Breite und Tiefe der Sinneswahrnehmung ist nicht steuerbar, so dass es schneller zu einer Reizüberflutung kommt, als bei nicht hochsensiblen Menschen. 

Hochsensibel zu sein hat wie vieles im Leben Vor- und Nachteile. 

Die Balance im Umgang mit einer hohen Sensibilität zu halten, ist herausfordernd. 

In Verhandlungs- und Konfliktsituationen ist es beispielsweise sehr hilfreich unterschwellige Reize (Informationen) wahrnehmen zu können. Dagegen ist die hohe Sensibilität für Reize in Großraumbüros, in der vollen Kantine oder in Freizeiteinrichtungen über einen längeren Zeitraum sehr anstrengend. 

Die Verarbeitung von Informationen der Sinnesorgane kostet Energie. 

Hochsensible nehmen exponentiell mehr Reize auf, und sind deshalb schneller angestrengt und müde. Einzig der Rückzug in ein Alleinsein beziehungsweise in eine ruhige reizarme Umgebung hilft. Das kann das Einzelbüro sein oder der Spaziergang im Park oder auch die Flucht ins Badezimmer.  

Dieses Rückzugsverhalten ist wiederum die augenscheinliche Gemeinsamkeit mit Introvertierten. Jedoch haben Aron und Aron in mehreren Studien gezeigt, dass Introversion nicht identisch mit Hochsensibilität ist. 

Hochsensibilität ist im Sinnes eines Merkmals zu verstehen, das zu ca. 70% introvertierte und zu ca. 30% extrovertierte Menschen in sich tragen. 

Resignation

Resignieren wird allgemeinsprachlich als ein Aufgeben, sich einer Situation ergeben oder unterwerfen bezeichnet. In Unternehmen spricht man auch von der inneren Kündigung oder dem “Dienst nach Vorschrift” der Mitarbeitenden. 

Resignation ist erkennbar an kaum gezeigtem Interesse und reduzierter Kommunikation mit Kollegen. Engagiertes und eigeninitiatives Verhalten sind ebenso stark minimiert.  

Auch hier geht es also augenscheinlich um ein wahrnehmbares Rückzugsverhalten. Aber das Persönlichkeitsmerkmal 

Introversion ist nicht mit innerer Kündigung, als ein bewusster unsichtbarer, stiller Rückzug aus Verantwortung und Engagement, gleichzusetzen. 

Wie kommt es zu einer inneren Kündigung?

Wissenschaftler, wie unter anderem Scheibner und Hapkemeyer, gehen neben dem juristischen von einem psychologischen Arbeitsvertrag zwischen Arbeitnehmern und dem Arbeitgeber aus. Der psychologische Vertrag beinhaltet nicht-einforderbare persönliche Erwartungen, hinsichtlich der Leistungen und Gegenleistungen, die meist mit einem persönlich gedeuteten Versprechen verbunden sind.  

Konkret: Du erledigst eine Vielzahl von Sonderaufträgen und machst viele Überstunden, weil Dir signalisiert wurde, dass Du dann befördert wirst. Leider passiert das über einen längeren Zeitraum nicht. Du versuchst nun durch offene Ansprache bei Deinem Chef auf die Beförderung hinzuwirken. Gelingt das nicht, ist Dein möglicher Ausgleich, für Deinen Chef deutlich spürbar, den Fuß vom Gas zu nehmen ohne konkret belangt werden zu können. Durch Dein nun verdeckt destruktives Verhalten der inneren Kündigung, ist der psychologische Vertrag aus Deiner Sicht wieder gerechter gestaltet. 

Es sind äußere, situative Umstände, die den bewussten Prozess der inneren Kündigung einleiten. 

Somit handelt es sich um eine persönliche Verhaltensstrategie und kein stabiles Persönlichkeitsmerkmal wie bei Introversion.   

Wie kannst Du mit zurückhaltend auftretenden Kolleg:innen umgehen?

In der Momentaufnahme einer Besprechung oder Veranstaltung ist die Ursache eines zurückhaltenden Verhaltens für Außenstehende nicht erkennbar. Deshalb solltest Du vorsichtig mit Deiner abschließenden Bewertung sein – kein Schubladendenken.  

Bei echtem Interesse an der zurückhaltend auftretenden Person, schlage ich vor:

  • Persönliches Gespräch führen, in dem die eigenen Beobachtungen objektiv beschrieben werden. 
  • Unterstützung signalisieren.
  • Fragen, was hilfreich oder unterstützend im Umgang mit dem Team oder bei großen Besprechungen wäre. 

So könnte ein Einstieg in einen vertrauensvollen Austausch gelingen, von dem am Ende alle profitieren.


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